Direktzahlung vom Staat: Warum nur 19 Prozent überhaupt erreichbar sind
2,404 Euro für einen Liter Diesel. Diesen Schnitt meldete der ADAC für das Wochenende vom 13. und 14. September 2026, nur noch gut vier Cent unter dem Höchststand vom April. Super E10 lag bei 2,273 Euro und damit auf Rekordniveau. Für jeden, der auf dem Land wohnt und ohne Auto nicht zum Arzt und nicht zum Einkaufen kommt, ist das keine Statistik, sondern eine Rechnung, die jeden Monat aufgeht.
In diese Lage hinein hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche eine Direktzahlung ins Gespräch gebracht. Ein Werkzeug dafür liege bereits vor, sagt sie. Im selben Atemzug räumt sie ein, dass eine Überweisung an sämtliche Bürger technisch noch weit entfernt ist. Dieser Widerspruch hat einen konkreten Grund, und er betrifft ausgerechnet die Menschen, die selten mit dem Finanzamt zu tun haben.
Was der Preisanstieg im Monat ausmacht
Nehmen wir Theo, Jahrgang 1954, gelernter Landmaschinenmechaniker und später Kraftfahrer bei einer Spedition. Er lebt in einem Dorf ohne Busanbindung und tankt rund 60 Liter Diesel im Monat.
| Position | Wert |
|---|---|
| Dieselpreis April 2026 | 2,06 Euro je Liter |
| Dieselpreis Mitte September 2026 | 2,404 Euro je Liter |
| Aufschlag | 34 Cent je Liter |
| Verbrauch im Monat | 60 Liter |
| Mehrkosten im Monat | rund 20,40 Euro |
Rund 245 Euro im Jahr, für dieselben Wege wie immer. An Theos Leben hat sich nichts geändert, an seiner Rente auch nicht.
Das Werkzeug beim Bundeszentralamt für Steuern
Technisch läuft die angedachte Direktzahlung über das Bundeszentralamt für Steuern. Dort ist zu jeder Person die steuerliche Identifikationsnummer gespeichert. Kommt eine Kontoverbindung dazu, kann der Staat Geld überweisen, sobald der Gesetzgeber eine konkrete Zahlung beschließt. Die Rechtsgrundlage dafür steht in § 139b Absatz 10 der Abgabenordnung.
Entwickelt wurde dieser Mechanismus ursprünglich für das Klimageld, das nie eingeführt wurde. Seit dem vergangenen Jahr liegt er technisch bereit und wartet auf seinen ersten Einsatz.
Der Haken: Die meisten Konten kennt der Staat nicht
Rund 19 Prozent aller Steuerpflichtigen in Deutschland haben dem Bundeszentralamt bislang ihre IBAN übermittelt. Selbst wenn morgen ein Gesetz beschlossen würde, wüsste der Staat bei gut acht von zehn Menschen schlicht nicht, wohin er überweisen soll.
Betroffen sind davon besonders die Ruheständler, deren Steuerfall seit Jahren ohne Schriftwechsel läuft, und genau die sollen nach der Beschreibung der Ministerin eigentlich profitieren.
Warum keine Steuersenkung an der Zapfsäule
Ein Blick auf den letzten Versuch erklärt, warum Reiche auf die direkte Überweisung setzt. Von Mai bis Juni 2026 senkte der Staat die Energiesteuer um rund 16,7 Cent brutto je Liter. Das Bundeskartellamt hat anschließend nachgemessen, wie viel davon tatsächlich an der Tankstelle ankam.
| Kraftstoff | Weitergegeben | Anteil |
|---|---|---|
| Diesel | 13,8 Cent | 82,6 Prozent |
| Super E5 | 13,0 Cent | 77,8 Prozent |
Der Rest blieb zwischen Großhandel und Zapfsäule hängen. Eine pauschale Steuersenkung, sagt Reiche, helfe am Ende nicht dem, der an der Tankstelle steht. Ob eine Direktzahlung treffsicherer wäre, wird sich erst zeigen, wenn überhaupt einmal ausgezahlt wird.
Sind Rentner überhaupt gemeint?
Diese Frage ist bislang nicht geklärt, und das gehört zur Wahrheit dazu. Die Ministerin spricht von Einkommensgruppen, die wenig oder keine Steuern zahlen. Das ist eine Einordnung nach Steuerlast und sagt nichts über den Berufsstatus. Viele Rentnerinnen und Rentner liegen unter dem Grundfreibetrag oder knapp darüber, dem Wortlaut nach könnten sie also dazugehören. Wie Ihre eigene Belastung zustande kommt, habe ich im Beitrag Wann müssen Rentner Steuern zahlen Schritt für Schritt aufgeschlüsselt.
Ihr zweiter Vorschlag, eine App-gestützte Entlastung für Pendler mit langen Arbeitswegen, zielt dagegen eindeutig auf Berufstätige und ginge an fast allen Ruheständlern vorbei.
Dazu kommt der Streit in der Koalition. SPD-Generalsekretär Klüssendorf wirft Reiche Untätigkeit vor und fordert stattdessen einen Preisdeckel und eine Abgabe auf Krisengewinne. Einen Gesetzentwurf mit Empfängerkreis und Betrag gibt es bis heute nicht. Der Unterschied zwischen einer Ankündigung und einem beschlossenen Gesetz ist auch bei der Rente das entscheidende Kriterium, wie ich im Beitrag Was schon Gesetz ist und was nur angekündigt gezeigt habe.
Was 2022 mit der Energiepreispauschale geschah
Es gab schon einmal eine Einmalzahlung, und ihr Verlauf lohnt den Blick zurück. Im Dezember 2022 bekamen Rentnerinnen und Rentner 300 Euro Energiepreispauschale. Ausgezahlt wurde sie automatisch über die Rentenzahlstellen, ohne Antrag und ohne dass jemand seine IBAN beim Bundeszentralamt hinterlegt haben musste. Läuft eine künftige Zahlung ebenso, spielt die Kontoverbindung beim Bundeszentralamt keine Rolle. Läuft sie über den hier beschriebenen Mechanismus, entscheidet sie mit.
Steuerlich war die Pauschale für Rentner in voller Höhe steuerpflichtig, als sonstige Einkünfte. Für viele Arbeitnehmer blieb sie über die Lohnsteuer im Ergebnis unbelastet.
| Rechenschritt | Betrag |
|---|---|
| Zahlung | 300 Euro |
| angenommener Steuersatz 20 Prozent | 60 Euro |
| bleibt | 240 Euro |
Das ist ein Beispiel nach dem Muster von 2022 und ausdrücklich keine Vorhersage für eine mögliche neue Zahlung. Bei Theo selbst würde wegen seines geringen Einkommens voraussichtlich wenig oder gar nichts abgezogen. Ob diese Ungleichbehandlung verfassungsgemäß war, prüft der Bundesfinanzhof derzeit unter den Aktenzeichen X R 24/25, X R 25/25 und X R 27/25. Wer damals einen Bescheid bekommen hat, liest die Einzelheiten im Beitrag Energiepreispauschale für Rentner.
Der eine Schritt, der von keiner Entscheidung abhängt
Ob eine Zahlung kommt, weiß heute niemand. Ihre IBAN beim Bundeszentralamt zu hinterlegen, kostet trotzdem nur wenige Minuten und ist unabhängig davon sinnvoll, weil das Amt auch bei anderen Erstattungen darauf zugreift.
Drei Wege stehen offen:
- Über Ihre Bank. Sie beauftragen Ihr Kreditinstitut, die IBAN an das Bundeszentralamt zu übermitteln. Das ist der einfachste Weg für alle, die kein ELSTER-Konto haben.
- Über ELSTER. Wer ohnehin ein Benutzerkonto hat, erledigt die Übermittlung dort im eingeloggten Bereich.
- Über die App BZSt IBAN+. Dafür brauchen Sie ein ELSTER-Zertifikat oder ein BundID-Konto.
Schriftlich oder telefonisch nimmt das Bundeszentralamt die Kontoverbindung ausdrücklich nicht entgegen. Wer unsicher ist, fragt am Schalter seiner Bank nach, dort ist der Vorgang bekannt.
Was am Ende bleibt
Ein Werkzeug für schnelle Zahlungen existiert. Ein Gesetz, ein Betrag und ein Empfängerkreis existieren nicht. Ob Rentnerinnen und Rentner dazugehören, ist offen, weder zugesagt noch ausgeschlossen. Das kann sich innerhalb weniger Tage ändern, je nachdem, wie sich der Ölmarkt und die Koalition entwickeln.
Ein Leben lang eingezahlt, und dann soll womöglich eine fehlende Ziffernfolge darüber mitentscheiden, ob Hilfe ankommt. Diesen Teil haben Sie selbst in der Hand, und mehr als ein paar Minuten kostet er nicht.
Stand: 16. September 2026. Die Spritpreise sind Tagesdurchschnitte des ADAC vom 13. und 14. September 2026 und ändern sich täglich. Die Rechnung zu Theo ist eine Modellrechnung mit einem angenommenen Verbrauch von 60 Litern im Monat. Die Zahlen zur Weitergabe der Energiesteuersenkung stammen aus der Auswertung des Bundeskartellamts zum Zeitraum Mai bis Juni 2026. Zur Direktzahlung liegt bislang weder ein Gesetzentwurf noch ein beschlossener Betrag vor, alle Angaben dazu beziehen sich auf Äußerungen aus der politischen Debatte. Das Beispiel zur Besteuerung der Energiepreispauschale bildet die Rechtslage von 2022 ab und lässt sich nicht auf eine künftige Zahlung übertragen. Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und ersetzt keine steuerliche Beratung im Einzelfall.