Spritpreis-Entlastung: Warum Rentner beim steuerlichen Ausgleich leer ausgehen
21, 23, vielleicht 25 Cent pro Liter. So ungefähr hat CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann die angekündigte Spritpreis-Entlastung bei Maybrit Illner beziffert: irgendwie 21, 23, 25 Cent der Liter. Drei Zahlen in einem Satz, dazu das Wort irgendwie. Wenn die Regierungspartei selbst nur eine Spanne nennt, sollten Sie wissen, wie belastbar dieses Versprechen ist, bevor Sie damit rechnen.
Für Rentnerinnen und Rentner kommt ein zweiter Punkt dazu, der in der Debatte kaum vorkommt. Bei einem steuerlichen Ausgleich für Autofahrten stehen Berufstätige systematisch besser da. Dieser Beitrag ordnet beides ein: den Stand der Ankündigung und die Lücke im Steuerrecht, die davon völlig unabhängig besteht.
Die Ausgangslage an der Zapfsäule
Am 16. September 2026 lag Super E10 laut ADAC bei 2,314 Euro je Liter, Diesel bei 2,453 Euro. Beides waren neue Rekordstände. Im August lagen die Monatsdurchschnitte noch bei 2,145 Euro und 2,223 Euro. Auslöser des Sprungs ist vor allem der Krieg zwischen den USA und dem Iran, der den Ölpreis seit Wochen nach oben treibt.
Bundeskanzler Merz hat daraufhin öffentlich eine Entlastung angekündigt. Ein Gesetzentwurf liegt dazu bislang nicht vor, einen Kabinettsbeschluss gibt es ebenfalls nicht. Hoppermann selbst sagte im gleichen Interview, man müsse jetzt erst noch mit den Bundesländern über den richtigen Weg sprechen. Als Zeitraum nannte sie Anfang Oktober. Damit steht eine politische Absicht im Raum, kein Termin im Gesetzblatt. Wie weit Ankündigung und geltendes Recht auseinanderliegen können, habe ich im Beitrag Was schon Gesetz ist und was nur angekündigt an der Rente durchgespielt.
Woher die Spanne von 21 bis 25 Cent stammt
Der derzeit wahrscheinlichste Weg ist ein Vorschlag von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche: die Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel befristet von 19 auf 7 Prozent zu senken. Rechnen Sie das an den aktuellen Preisen durch, landen Sie ungefähr in dem Korridor, den Hoppermann genannt hat.
| Rechenschritt | Wert |
|---|---|
| Preissenkung bei Wechsel von 19 auf 7 Prozent | rund 10,1 Prozent vom Bruttopreis |
| Diesel bei 2,453 Euro je Liter | rund 24,7 Cent |
| Super E10 bei 2,314 Euro je Liter | rund 23,3 Cent |
Diese Zuordnung ist meine eigene Einordnung anhand der Zahlen. Die Regierung hat weder das Instrument noch den Betrag bestätigt. Und ein Selbstläufer ist dieser Weg nicht: Die Umsatzsteuer ist eine Gemeinschaftssteuer, ihr Aufkommen steht Bund, Ländern und Gemeinden gemeinsam zu. Eine Änderung braucht deshalb nach Artikel 105 Absatz 3 Grundgesetz die Zustimmung des Bundesrats. Genau das meint Hoppermann mit dem Gespräch mit den Ländern.
Daneben steht ein zweiter Vorschlag: Finanzminister Klingbeil fordert eine Übergewinnsteuer für die Mineralölkonzerne, finanziert aus deren zusätzlichen Gewinnen durch den Ölpreisanstieg. Hoppermann lehnt das ab. Ihr Argument: Für Menschen, die gerade für 2,50 oder 3 Euro tanken, bringt eine solche Steuer keinen Cent Entlastung an der Säule. Wer sich durchsetzt, ist offen.
Die Lücke, über die kaum jemand spricht
Berufstätige können ihren Arbeitsweg steuerlich geltend machen. Die Entfernungspauschale liegt seit diesem Jahr einheitlich bei 38 Cent pro Kilometer, und zwar ab dem ersten Kilometer. Das mindert das zu versteuernde Einkommen, unabhängig davon, was der Sprit gerade kostet.
Nehmen wir einen Angestellten mit 25 Kilometern einfacher Strecke zur Arbeit.
| Rechenschritt | Wert |
|---|---|
| einfache Entfernung | 25 km |
| Arbeitstage im Jahr | 220 |
| Pauschale je Kilometer | 0,38 Euro |
| absetzbarer Betrag im Jahr | 2.090 Euro |
| Steuerwirkung bei 25 Prozent Grenzsteuersatz | rund 520 Euro |
Die volle Wirkung tritt nur ein, soweit dieser Betrag zusammen mit den übrigen Werbungskosten über dem Arbeitnehmer-Pauschbetrag liegt. Bei 2.090 Euro ist das zum größten Teil der Fall.
Wer nicht mehr arbeitet, hat diesen Ausgleich nicht. Die Entfernungspauschale steht in § 9 Absatz 1 Satz 3 Nummer 4 Einkommensteuergesetz und spricht ausdrücklich von Aufwendungen des Arbeitnehmers. Fahrten zum Arzt, zur Apotheke oder zum Einkaufen sind steuerlich Privatsache. Bei einem Rentner mit 12.000 Kilometern im Jahr und einem Dieselverbrauch von 6,5 Litern je 100 Kilometer sind das rund 780 Liter und bei aktuellen Preisen knapp 1.900 Euro Spritkosten, die in der Steuererklärung an keiner Stelle auftauchen.
Eine Ausnahme gibt es: Wer neben der Rente noch arbeitet, etwa über einen Minijob oder die Aktivrente, kann die Pauschale für diesen Arbeitsweg nutzen. Für alle übrigen Fahrten gilt sie auch dann nicht. Was bei der Rente selbst als Werbungskosten zählt, habe ich im Beitrag Was Rentner als Werbungskosten absetzen können zusammengestellt. Die Fahrt zum Hausarzt gehört nicht dazu.
Diese Lücke besteht unabhängig davon, ob die angekündigte Entlastung kommt. Ein Rabatt pro Liter wirkt bei allen gleich. Der Unterschied entsteht an einer anderen Stelle, im Steuerrecht, und dort bleibt er bestehen.
Was von einem Rabatt tatsächlich ankommt
Deutschland hat bereits zweimal erlebt, wie eine Steuersenkung auf Kraftstoff an der Zapfsäule ankommt. Im Sommer 2022 senkte der Staat die Energiesteuer für drei Monate deutlich. Das RWI in Essen hat nachgerechnet, wie viel davon beim Verbraucher landete.
| Kraftstoff | Weitergabe 2022 |
|---|---|
| Diesel | 87 Prozent |
| Super E10 | 71 Prozent |
Beim zweiten Tankrabatt von Mai bis Juni dieses Jahres wiederholte sich das Muster. Das ifo-Institut kommt für Diesel auf rund 72 Prozent der möglichen Entlastung. Nach dem Auslaufen im Juli zogen die Preise wieder kräftig an, bei Diesel um fast 28 Cent innerhalb eines Monats, teilweise über das Niveau vor der Senkung hinaus. Zu den Messungen des Bundeskartellamts für denselben Zeitraum und zur Idee einer Direktzahlung statt eines Rabatts finden Sie die Einzelheiten im Beitrag Direktzahlung vom Staat und die fehlende IBAN.
Zwei Rechnungen zum Mitrechnen
Weil Höhe und Dauer nicht feststehen, rechne ich mit offenen Annahmen: zwei Monate Laufzeit und 72 Prozent Weitergabe nach dem Muster des letzten Tankrabatts.
Volkmar war Maschinenführer, lebt auf dem Land und ist für Arzttermine und Einkäufe auf seinen Diesel angewiesen.
| Rechenschritt | Wert |
|---|---|
| Fahrleistung im Jahr | 12.000 km |
| Verbrauch | 6,5 l je 100 km |
| Verbrauch im Jahr | rund 780 Liter |
| davon in zwei Monaten | rund 130 Liter |
| bei 25 Cent Entlastung je Liter | 32,50 Euro |
| nach 72 Prozent Weitergabe | rund 23,40 Euro |
Gerda erledigt fast alles zu Fuß im Ort und fährt nur noch selten.
| Rechenschritt | Wert |
|---|---|
| Fahrleistung im Jahr | 3.000 km |
| Verbrauch | 7 l je 100 km |
| Verbrauch im Jahr | rund 210 Liter |
| davon in zwei Monaten | rund 35 Liter |
| bei 23 Cent Entlastung je Liter | rund 8 Euro |
| nach 72 Prozent Weitergabe | rund 5,75 Euro |
Ein Rabatt je Liter richtet sich allein nach der Fahrleistung. Volkmar bekommt gut das Vierfache von Gerda, und wer gar kein Auto besitzt, geht leer aus und trägt die Finanzierung über den Bundeshaushalt trotzdem mit. Der Sozialverband Deutschland kritisiert diese Verteilung als Gießkannenprinzip und verweist auf die Millionen Rentnerinnen und Rentner ohne eigenes Auto.
Was Sie unabhängig von der Politik tun können
Seit April 2026 gilt die sogenannte 12-Uhr-Regel. Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen, nämlich um 12 Uhr. Senken dürfen sie jederzeit. Der günstigste Moment zum Tanken liegt dadurch häufig kurz vor 12 Uhr mittags und damit nicht mehr am Abend, wie es jahrelang üblich war.
Die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt sammelt alle Preismeldungen und gibt sie kostenlos an die gängigen Tank-Apps weiter. Ein Blick vor der Fahrt spart bei 780 Litern im Jahr regelmäßig mehr als der gesamte Effekt einer befristeten Steuersenkung.
Sollte zum 1. Oktober tatsächlich eine Maßnahme greifen: Im Mai sanken die Preise am ersten Tag oft erst im Laufe des Vormittags. Wer in der Nacht davor tankt, zahlt noch den alten Preis.
Der Unterschied zwischen Zusage und Gesetz
Zugesagt ist eine Entlastung. Festgelegt ist bislang keine Höhe, kein Starttermin und kein Instrument. Selbst die Generalsekretärin der Kanzlerpartei spricht von irgendwie 21 bis 25 Cent. Sollte die Maßnahme kommen, bleibt ein Teil davon nach aller Erfahrung zwischen Großhandel und Zapfsäule hängen.
Die Lücke im Steuerrecht bleibt in jedem Fall bestehen. Ein Leben lang eingezahlt, jeden Weg zur Arbeit selbst bezahlt, und im Ruhestand zählt keine einzige Fahrt mehr. Wer das kennt, plant seine Ausgaben nach dem, was gilt, und nicht nach dem, was angekündigt wurde.
Stand: 18. September 2026. Die genannten Kraftstoffpreise sind ADAC-Werte vom 16. September 2026 und ändern sich täglich. Die Zuordnung der Cent-Beträge zu einer Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7 Prozent ist meine eigene Rechnung anhand dieser Tagespreise und keine Angabe der Bundesregierung. Die Beispiele zu Volkmar und Gerda sind Modellrechnungen mit angenommener Fahrleistung, angenommenem Verbrauch, einer angenommenen Laufzeit von zwei Monaten und einer aus dem Tankrabatt von Mai bis Juni 2026 abgeleiteten Weitergabequote von 72 Prozent, die das ifo-Institut für Diesel ermittelt hat. Für Benzin kann die Quote abweichen. Die Rechnung zur Entfernungspauschale unterstellt 220 Arbeitstage und einen Grenzsteuersatz von 25 Prozent. Zur Spritpreis-Entlastung liegen bislang weder ein Gesetzentwurf noch ein Kabinettsbeschluss vor, Höhe, Instrument und Starttermin sind offen. Eine Mehrwertsteuersenkung bräuchte zusätzlich die Zustimmung des Bundesrats. Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und ersetzt keine steuerliche Beratung im Einzelfall.